Johanniskraut: vom Jesuswundenkraut zum Antidepressivum


Bei Heilpraktikern beliebt, von Medizinern verschrieben: Das Johanniskraut zählt zu den renommiertesten Heilpflanzen in unserem Kulturkreis. Auch wenn seine volkstümlichen Namen (Herrgottblut, Jesuswundenkraut und Johannisblut) ihren christlich-spirituellen Ursprung kaum verbergen können, ist die heutige Anwendung irdisch: Johanniskraut wird fast immer dann verschrieben, wenn die Stimmung schwankt oder leidet. Leichte bis mittelschwere Depressionen sind das Hauptanwendungsgebiet der Heilpflanze.

Wir sollten uns aber darüber im Klaren sein, dass die für Depressionen empfohlene Dosierung über Tees oder freiverkäufliche Kapseln kaum erreicht werden kann. Die bei Depressionen notwendigen Dosierungen müssen vom Arzt verschrieben werden und sind als Tabletten einzunehmen.

Johanniskraut from BKK Mediathek on Vimeo.

Johanniskraut

Was haben die Botaniker über das Johanniskraut zu sagen?

Das Johanniskraut hat mehr „Tarnnamen“ als ein Spion: Echtes Johanneskraut, Echt-Johanniskraut, Gewöhnliches Johanniskraut, Durchlöchertes Johanniskraut, Tüpfel-Johanniskraut und Tüpfel-Hartheu. Bei der wissenschaftlichen Schreibweise ist man sich allerdings einig: Hypericum perforatum. Die volkstümlichen Namen Herrgottblut, Jesuswundenkraut und Johannisblut sind einfach zu erklären: Zerreibst Du die gelben Blüten zwischen den Fingern, entwickelt sich ein blutroter Saft. Das Hypericin – wie der austretende Saft bei Wissenschaftler heißt – wird therapeutisch eingesetzt.
Johanniskraut in Nahaufnahme

Wie kann ich echtes Johanniskraut erkennen?

Wenn Du die Blätter gegen das Licht hältst, kannst Du erkennen, dass sie durchlöchert sind. Darüber hinaus kannst Du einfach den Test machen und die Blätter zwischen den Fingern zerreiben. Bei echtem Johanniskraut wirst Du den blutroten Saft der dann entsteht leicht erkennen. Das Kraut findest Du übrigens meistens an sonnigen Waldrändern oder auf Lichtungen.

Was haben die Historiker über das Johanniskraut zu sagen?

Schon in der Antike wurde das Johanniskraut als Heilpflanze verehrt. Im Mittelalter nahm diese Verehrung eine etwas merkwürdige Form an: Viele Christen glaubten, dass das Johanniskraut helfe, den Teufel auszutreiben – denn der war ja der Verursacher jeder Depression. Im 16. Jahrhundert erfuhr das Heilgewächs eine Renaissance. Der Arzt Paracelsus beschreibt die Pflanze in seinem Buch “Von den natürlichen Dingen” als Kraut gegen “dollmachende Geister”. Im 19. Jahrhundert verschwand das Johanniskraut aus den Medizinbüchern und wurde erst in den späten Siebzigern des letzten Jahrhunderts “rehabilitiert”.

Wo wächst das Johanniskraut?

Das Johanniskraut ist in Europa, aber auch in Westasien und Nordafrika beheimatet. Es wächst gerne in lichten Wäldern, an Waldrändern, an Wegen oder Feldern und sogar auf Bahnschotter. Das Heilgewächs, das zu den Staudengewächsen zählt, kann bis zu 80 Zentimeter hoch sprießen. Johanniskraut wächst oft in größeren Gruppen und blüht in den warmen Sommermonaten Juni, Juli und August.

Was steckt drin in der Heilpflanze?

Johanniskraut zerstossen

Johanniskraut enthält viele Inhaltsstoffe, deren Wirkung im Einzelnen aber nicht immer geklärt ist. Der Blütensaft Hypericin wirkt stimmungshebend, das steht fest. Hyperforin wirkt antibiotisch. Hyperosid und Rutosid zählen zu den Flavonoiden und wirken stärkend auf die Blutgefäße, lösen Krämpfe und sind entzündungshemmend. Der wichtigste Wirkstoff im Johanniskraut ist aber das Hypericin, das mit einem Anteil von 0,1-0,3 Prozent vorkommt. Den höchsten Gehalt an Hypericinen hat das Heilgewächs im Sommer, wenn seine Blüten voll entwickelt sind.

Warum sollte ich Johanniskraut einnehmen?

Wenn Du dich schon mal in Sachen „depressive Verstimmung“ schlau gemacht hast, ist dir sehr wahrscheinlich auch das Johanniskraut untergekommen. Johanniskraut ist das wichtigste pflanzliche Antidepressivum! Das ist auch gleichzeitig sein hauptsächliches Anwendungsgebiet. Es hat aber noch zahlreiche andere Anwendungsgebiete, die heute zum Teil in Vergessenheit geraten sind.

Was sollte ich bei der Einnahme von Johanniskraut beachten?

Wenn Du das „Kraut“ innerlich als Antidepressivum einnehmen möchtest, solltest Du dies vorher mit deiner Hausärztin besprechen. Sie kann abwägen, ob sich bei dir ein natürliches oder ein chemisches Mittel besser eignet. Das Johanniskraut muss beim Einnehmen gegen eine depressive Verstimmung hoch dosiert werden, auch hier lohnt das Gespräch mit einem Arzt. Wichtig ist außerdem zu wissen, dass Johanniskraut nicht gleich nach der ersten Tablette wirkt. Oft stellt sich ein positiver Effekt erst nach mehreren Wochen regelmäßiger Einnahme ein. Eine nachhaltige Wirkung stellt sich sogar frühestens nach vier bis sechs Monaten ein – daher ist es sehr wichtig, dass Du die Einnahme nicht zu früh abbrichst!

Anwendung von Johanniskraut als Antidepressivum

Dank zahlreicher erfolgreicher Studien ist das Johanniskraut auch in der Schulmedizin akzeptiert. Auch wenn noch nicht abschließend geklärt ist, wie das Zusammenwirken der einzelnen Inhaltsstoffe die Stimmung hebt, ist die positive Wirkung unstrittig. Gesichert ist, dass Du durch die Einnahme der Heilpflanze das zentrale Nervensystem beeinflusst und vermehrt Botenstoffe (Noradrenalin, Serotonin und Dopamin) ausgeschüttet werden.

Was sich allerdings auch bei leichten und mittelgradigen depressiven Syndromen gleichermaßen gut bewährt hat, sind Johanniskraut-Präparate. Sie gelten ebenfalls als etablierte Behandlungsstrategie

Professor Dr. Stefan N. Willich

Im Blutkreislauf von depressiven Menschen wird oft ein verminderter Anteil von Serotonin gemessen. Serotonin spielt für das allgemeine Wohlbefinden, den Schlaf und die Antriebslage eine wichtige Rolle. Auch ein Dopaminmangel wirkt sich hemmend auf den Antrieb aus und verschlechtert zudem deine Konzentration und Merkfähigkeit. Noradrenalin hat eine ähnliche Wirkung wie seine beiden „Kollegen“: Auch dieser Botenstoff wirkt sich auf das Gedächtnis und die Aufmerksamkeit aus. Bei einem Mangel an Noradrenalin kommt es außerdem häufig zu einem gestörten Schlaf-Wach-Rhythmus.

Anwendung von Johanniskraut bei Unruhe und Ängsten

Fühlst Du dich häufig unruhig oder angespannt? Kreisen deine Gedanken immer wieder um bestimmte Sorgen? Spürst Du unbestimmte Ängste?

Johanniskraut ist auch bei diesen nervlichen Belastungen eine hilfreiche Heilpflanze. Verbreitet und beliebt ist auch die Anwendung bei psychischen Spannungen in den Wechseljahren, in der Pubertät und nach einer Geburt. Diese Lebensphasen sind dafür bekannt, dass sie zu massiven Stimmungsschwankungen führen können.

Andere Anwendungen, die teilweise nicht so verbreitet sind

Das Johanniskraut hat traditionell noch andere Anwendungsgebiete. Dazu zählen:

  • psychosomatischen Beschwerden wie zum Beispiel bestimmte Formen von Kopfschmerzen, Migräne, Reizdarm oder Reizblase.
  • Traditionell wurde die Heilpflanze auch bei Husten, Beschwerden der Gallenblase und Befall des Darms mit Würmern angewendet.
  • Die verdauungsfördernden Wirkungen des Johanniskrauts sind vielerorts auch in Vergessenheit geraten. So weißt Du wahrscheinlich nicht, dass Du das Kraut auch gegen Durchfall und bei Magen-Darm-Beschwerden einsetzen kannst.

In Fachkreisen werden aber auch noch weitere Heilanzeigen diskutiert. So könnte das Johanniskraut bei:

  • Winterdepressionen
  • Trauerreaktionen
  • Burnout-Syndrom
  • Tinnitus
  • chronischen Schmerzen

helfen. Zu diesen Anwendungsfeldern wird es sicherlich in naher Zukunft wissenschaftliche Studien geben, auf deren Ergebnisse wir sehr gespannt sein können.

Mit welchen Nebenwirkungen sollte ich rechnen?

Wenn Du darüber nachdenkst, Johanniskraut einzunehmen, interessieren dich wahrscheinlich auch die möglichen Nebenwirkungen. Gute Nachrichten: Johanniskraut ist gut verträglich und unerwünschte Nebenwirkungen sind selten.

Das Kraut kann aber in seltenen Fällen geringe Magen-Darm-Beschwerden, Müdigkeit, Erregung, Kopfschmerzen und Sonnenbrandneigung zur Folge haben. Hypericin erhöht die Empfindlichkeit gegenüber UV-Licht. Menschen mit sehr heller Haut sollten die Einnahme von Johanniskraut daher 14 Tage vor ihrem Strandurlaub absetzen. Ist eine Lichtempfindlichkeit bekannt, sollte das Johanniskraut ganz gemieden werden. In Einzelfällen kann es bei einer entsprechenden Grunderkrankung zu manischen Episoden kommen.

Bei sehr hohen Dosierungen des Krauts kann es zu leichten Formen des Serotonin-Syndroms kommen. Symptome sind hier unter anderem Schwindel, Grippegefühl, unwillkürliche Muskelzuckungen und Angstzustände. Diese Überdosierungssymptome bergen noch eine weitere Gefahr: Sie werden oft mit den depressiven Symptomen, die wir eigentlich behandeln wollten, verwechselt.

Dies kann dann zu einer weiteren Erhöhung der Dosis verleiten. Ein Teufelskreislauf, dessen wir uns bewusst sein sollten.

Wie sieht es mit Wechselwirkungen aus?

Das Johanniskraut kann mit zahlreichen Medikamenten wechselwirken, indem es die Wirkung der anderen Mittel abschwächt. Dies gilt zum Beispiel für Medikamente gegen AIDS, zur Blutverdünnung, gegen Herz-Kreislauf-Krankheiten und die Anti-Baby-Pille. Daher raten Experten, dass zum Beispiel Schwangere und Mütter, die stillen, auf die Einnahme von Johanniskraut vorsorglich verzichten.

Lass dich am besten in deiner Apotheke oder von deinem Hausarzt beraten, wenn Du die angesprochenen Wechselwirkungen befürchtest.

Wo kann ich das Johanniskraut kaufen?

Bedingt durch seine Popularität kannst Du Johanniskraut eigentlich überall dort kaufen, wo es freiverkäufliche (nicht verschreibungspflichtige) Arzneimittel gibt: In Drogeriemärkten, Supermärkten, Reformhäusern und bei Händlern im Netz.

Die schulmedizinisch relevanten Dosierungen sind allerdings so hoch, dass Du sie mit im freien Handel verkauften Präparaten nicht erreichen kannst. So sind für die Linderung von Depressionen täglich 900 bis 1800mg Johanniskrautextrakt notwendig – das ist in etwa das zehnfache dessen, was ein freiverkäuflicher Tee enthält. Die von deinem Hausarzt oder Psychiater verschriebenen Tabletten sind daher nur in der Apotheke oder bei einer Online-Apotheke erhältlich.

In welchen Darreichungsformen wird Johanniskraut angeboten?

Die hauptsächlichen Darreichungsformen des Johanniskrauts sind Tabletten, Kapseln und Tees. Die Anwendung als Öl ist weit weniger verbreitet, dafür aber vielseitiger.

Johanniskraut als Tablette oder Kapsel

Johanniskraut als Tabletten
Diese Form der Darreichung ist die mit Abstand beliebteste. Johanniskrautkapseln sind freiverkäuflich und enthalten Trockenextrakt des Johanniskrauts in einer umschließenden Hartkapsel. Die Tablettenform eignet sich für eine hochdosierte Therapie bei akuten, mittelschweren Depressionen. Üblicherweise werden hier 650mg-Tabletten verschrieben.

Das Johanniskraut als Tee

Du kannst Johanniskraut in vielen Drogeriemärkten und Supermärkten auch als Tee kaufen. Manchmal hast Du sogar die Wahl zwischen losem Tee und Teebeuteln. Ob ein Tee mit Johanniskraut gegen Depressionen hilft, ist umstritten.

Die Dosierung ist wahrscheinlich zu gering, um wirkungsvoll zu sein. Bei Befindlichkeitsstörungen und Schlafstörungen soll der Tee aber sehr gut helfen. Bitte beachte, dass Kinder unter 12 Jahren keinen Johanniskrauttee trinken sollten.

Die Anwendung von Johanniskraut als Öl

Johanniskraut als Öl

Zur äußerlichen Anwendung gibt es das Johanniskraut auch als Öl. Das Öl wird manchmal auch unter dem Namen Rotöl gehandelt, was mit seiner tiefroten Farbe zu tun hat. Diese Form der Anwendung ist zwar nicht so verbreitet, aber interessant, da das Anwendungsspektrum etwas anders ist: Sonnenbrand, Prellungen, Insektenstiche und Muskelschmerzen sind typische Symptome, die mit Johanniskrautöl behandelt werden könnnen. Manche Menschen schwören übrigens auch auf die heilende Wirkung des Öls beim Jetlag nach Langstreckenflügen durch verschiedene Zeitzonen.

Häufige Fragen zum Thema Johanniskraut

Gibt es auch „falsches“ Johanniskraut?

Auch wenn es „echtes“ Johanniskraut heißt, gibt es im Grunde kein falsches Johanniskraut. Dafür gibt es viele Johanniskraut Gattungen. Derzeit sind 450 Gattungen Johanniskräuter bekannt. Mit Ausnahme des echten Johanniskrauts sind sie aber alle zu medizinischen Zwecken nicht geeignet.

Macht Johanniskraut abhängig?

Dafür gibt es bis jetzt keine Hinweise. Da nicht eine einzige Johanniskraut-Abhängigkeit bekannt ist, gilt das Kraut als besonders gut geeignet für längere Behandlungen. Setzt Du es ab, wirst Du außer der ausbleibenden Wirkung keine negativen Auswirkungen spüren.

Wird Johanniskraut von der gesetzlichen oder privaten Krankenversicherung bezahlt?

Manche Johanniskrautpräparate sind verschreibungsfähig. Wenn dein Arzt dir bei einer mittelschweren Depression ein Johanniskrautpräparat verschreibt, wird das also auch von der Kasse übernommen. Allerdings wirst Du bei anderen Verschreibungsgründen in den meisten Fällen ein Privatrezept bekommen und das Mittel dann leider selbst bezahlen müssen.

Ist Johanniskraut für Kinder geeignet?

Momentan existieren zu dieser Frage keine Studien. Es gibt zwar auch keine Hinweise, die gegen eine Einnahme durch Kinder sprechen, allerdings auch keine nachgewiesene Unbedenklichkeit. Sollte dein Kind allerdings Symptome einer Depression zeigen, dann solltest Du unbedingt einen Arzt aufsuchen!

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